AZ, 13.05.2017

Bauleute einer besseren Welt sein

 
 
 
 

Von Christine TschernerFREIMAURER Binger Loge feiert 150. Geburtstag / Ausstellung im Heilig-Geist-Hospital ab 14. Mai

BINGEN – Zirkel und Winkel sind ihr Symbol, Zylinder und Smoking-Pflicht abgeschafft: Die Binger Freimaurer feiern am 20. Mai festlich 150. Geburtstag. Ab 14. Mai lädt eine Ausstellung ins Heilig-Geist-Hospital. 300 Jahre Freimaurerei in Deutschland greift die Schau mit Exponaten und Informationen auf. Was ist dran an Geheimkult und nebulösen Riten?

Immer mittwochs treffen sich Männer an der Martinstraße. „Zum Tempel der Freundschaft im Orient Bingen“ heißt ihr Verein. Klingt exotisch. Aber das langgestreckte Hinterhofhaus in der Nähe des Burggrabens wirkt bescheiden. „Das Logenhaus war früher das Vorderhaus“, zeigt Frédéric Simon Bilder mit griechisch anmutender Säulen-Optik.

 

Simon ist amtierender Meister vom Stuhl, vergleichbar einem Vereinsvorsitzenden. Er kennt die Gründungsgeschichte. „Der erste Meister vom Stuhl hieß Carl Gräff.“ Der Inhaber einer Binger Tabakfabrik, Stadtratsmitglied und Präsident der Binger Handelskammer lenkte wie viele seiner Nachfolger die Geschicke der Stadt.

Kriegsbomben zerstörten die schöne Immobilie. Der versteckte Hinterhof an der Martinstraße wurde zur Heimat. Nur wenig Historisches aus der Anfangszeit blieb erhalten, darunter zwei alte in Leder gebundene Fotoalben. Sie zeigen Mitglieder der Loge um die Jahrhundertwende. „Das Freimaurer-Museum in Bayreuth steuert Ausstellungsstücke bei“, sagt Simon.

Seit Dan-Brown-Krimis den Buchmarkt erobert haben, ist Freimaurerei auch Laien ein Begriff. „Höchste Werte sind Toleranz, Menschlichkeit, Freiheit und Gleichheit“, sagt Simon. Der Schriftsteller habe gut recherchiert.

Das Zeitalter der Aufklärung war unverkennbar Geburtsstunde und keimte nicht nur in Frankreich. Vor 150 Jahren gründeten Binger Männer die 418. Loge in Bingen. „Hamburg ist doppelt so alt und hat 2000 Brüder“, vergleicht Simon. Dagegen ist die Binger Loge mit knapp 30 Männern klein.

Anwälte und Architekten sind darunter, Sozialarbeiter und Selbstständige, ITler und Flugzeugmechaniker und ja, schon eher Akademiker. „Menschen und Sichtweisen kennenlernen, die sonst nicht aufeinandertreffen“, das sei Kern der Idee.

Nachwuchsmangel? Fehlanzeige. Zwei Neue treten derzeit den Weg in die Binger Loge an. „Mehr als drei pro Jahr ist gar nicht leistbar“, klärt der Meister vom Stuhl auf. Denn neben einem Bürgen begleitet ein väterlicher Freund als Pate die Vorbereitung. „Wer sich entscheidet, geht einen lebenslangen Bund ein.“

Ein Probejahr zum gegenseitigen „beschnuppern“ gilt als Minimum. Werbung betreiben sie nicht. „Allenfalls einmal im Jahr treten wir als Sponsor auf. Vor allem die Musikschule ist uns wichtig.“ Ziel ist aber weniger karitatives Wirken als die eigene Reflektion über ein verantwortungsbewusstes Leben und Handeln.

In der Blütezeit der Binger Loge Ende des 19. Jahrhunderts hatten die Freimaurer 70 Mitglieder. Das erste „Freimaurerische Kränzchen“ gründete sich 1809, wurde allerdings von Napoleon 1814 wieder abgeschafft.

Logenmeister Simon führt durch die Räume. „Wöchentlich treffen wir uns zum Austausch und monatlich zur Tempelarbeit,“ sagt der Logenmeister. Es ist die dritte Stufe nach Lehrling und Geselle in der Freimaurer-Welt.

Der Logen-Look im Inneren: Säulen im Raum auf Schachbrett-Boden, Zeremonienstab, Schwert mit Gravuren, Pulte. Schwere blaue Samtvorhänge verhüllen die Wände, und am Kopfende des kleinen Saals ist der Platz für den amtierenden Meister vom Stuhl. Dazwischen Gegenstände wie Senkblei und Wasserwaage als Symbole aus dem Bauhandwerk.

Damit erinnern Freimaurer an die Bauleute der Domhütten. Bauleute einer besseren Welt sein, gestaltend und tatkräftig – das ist die Idee. Symbolik bestimmt das Herzstück des Logenhauses. „Tradition wahren, ja, aber die Hülle darf nicht zum Wesentlichen werden“, sagt der Meister.

Wie ein typischer Freimaurer-Abend aussieht? Ein Mitglied bereitet einen Impulsvortrag vor. „Dann beginnt das Infragestellen, der Diskurs, manchmal auch die Kontroverse.“ Zu den Riten erfahren Außenstehende nichts. Logen begründen das Abschotten als Schutz. Freies Denken ohne Dogma galt in autoritären und totalitären Staaten immer als anrüchig. „Türkische Logen haben derzeit richtig Probleme“, weiß der Binger Meister.

Vorurteilsfrei nachdenken in einem geschützten Raum sei nur auf der Grundlage gegenseitigen Vertrauens möglich. Und weil nie etwas nach außen getragen wird, wirken die Abende eben wie Geheimtreffen. Das Privileg: Mitglieder können weltweit über den Vertrauensvorschuss als Freimaurer in Kontakt treten.

Der Binger Tempel der Freundschaft ist Teil einer Großloge mit 10 000 Mitgliedern. Ihr Großmeister gehört der Binger Loge an und ist zum feierlichen Jubiläum ins Kongresszentrum eingeladen. Rund 150 Brüder aus dem gesamten Bundesgebiet werden erwartet. Sektempfang, Festarbeit, Damenprogramm und Weiße Tafel sind Bestandteil des Festes.

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