Über unsere Loge

Die Binger Freimaurerloge „Zum Tempel der Freundschaft“ ist eine selbstständige, autarke, demokratisch organisierte Gemeinschaft auf Grundlage des Vereinsrechts im BGB, als eingetragener Verein (e.V.) und all den damit verbundenen Rechten und Pflichten. Die Loge wurde gegründet am 07. Juli 1867 und existiert seither ununterbrochen, mit Ausnahme der Kriegsjahre, worauf in der nachstehenden Dokumentation näher eingegangen wird.

Wir sind organisiert im Distrikt Rheinland-Pfalz / Saarland mit derzeit 17 gleichwertigen Mitgliedslogen. Unser Dachverband ist die Großloge der Alten, Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland (A.F.u.A.M.).

Ein Großmeister

Aus der Loge Zum Tempel der Freundschaft ist ein Großmeister hervorgegangen, der die demokratisch gewählte oberste Spitze der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland ist. Diese hohe Ehre wurde dem Binger Bruder Prof. Dr. Stephan Roth-Kleyer zuteil, der derzeit das Geschick der Bruderschaft leitet. Der Großmeister trägt im Übrigen einen Lehrlingsschurz, womit er anzeigt, dass er auch in dieser hohen Position lernen und an sich arbeiten muss.

B. Becker – Altstuhlmeister der Loge

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Freimaurer in Bingen

(Auszug aus der Logenchronik)

150 Jahre sind, gemessen an der 300 jährigen Geschichte der Freimaurerei in Deutschland, keine lange Zeit. Bedenkt man jedoch, dass bereits vor der eigentlichen Logengründung Freimaurer in Bingen lebten und bereits zwischen 1809 und 1814 einzelne freimaurerische Arbeiten in der Stadt am Rhein-Nahe-Eck abgehalten wurden, so kann man durchaus von einer geschichtlichen Kontinuität sprechen. Dies ist um so bemerkenswerter, weil Bingen weder eine Residenzstadt noch eine freie Reichsstadt war und noch dazu über einen großen katholischen Bevölkerungsanteil verfügte, der sich erst im 19. Jahrhundert durch die Eingliederung in das Großherzogtum Hessen-Darmstadt allmählich ausglich.

Auch heute noch spielt die Religionszugehörigkeit bei der Entwicklung von Freimaurerlogen eine große Rolle. So gibt es in Bundesländern mit vorwiegend evangelischer Bevölkerung wie Hamburg, Niedersachsen und Hessen mehr als doppelt soviel Logen und Mitglieder wie in vorwiegend katholischen Ländern.
Bedenkt man weiter, dass Bingen im 19. Jahrhundert weniger als zehntausend Einwohner zählte und im Gegensatz zu anderen deutschen Städten nur geringfügig über seinen mittelalterlichen Stadtkern hinausgewachsen war, so sind 150 Jahre freimaurerische Arbeit durchaus eine beachtenswerte Leistung, zumal 1946, nach den Progromen der Nazis und der verheerenden Wirkung des zweiten Weltkrieges, nur noch wenige Brüder übrig waren, um das Logenleben in Bingen wieder anzukurbeln.

Die besagten Einschnitte zwischen 1935 und 1945 sind auch der Grund dafür, dass nur wenige historische Gegenstände und Schriftstücke aus der Anfangszeit der Loge erhalten geblieben sind. Das wenige, was von der Beschlagnahmung gerettet werden konnte, fiel später dem Bombenhagel zum Opfer. Als besonderen historischen Schatz, der auch für die Binger Geschichte nicht ohne Bedeutung ist, sind daher zwei alte in Leder gebundene Fotoalben anzusehen, die fast alle Mitglieder der Loge um die Jahrhundertwende zeigen.

 

Erste Anfänge

Ob es schon während des 18. Jahrhunderts Freimaurer in Bingen gab oder einzelne Arbeiten abgehalten wurden, entzieht sich unserer Kenntnis. Ganz auszuschließen ist es jedoch nicht. Die Aufklärung hatte, verbunden mit so bekannten Namen wie dem des Freiherren von Dalberg, Freund und Förderer Schillers, Eingang in das Erzbistum Mainz gefunden, zu dem auch Bingen und das Binger Land zählten. Dalberg, der als Statthalter des Kurfürsten in Erfurt residierte und später von Napoleon zum Großherzog von Frankfurt ernannt wurde, gehörte, wie auch andere kurfürstliche Beamte, dem ,,Illuminatenorden“ an, einer radikal aufklärerischen Fraktion innerhalb der Freimaurerei. Inwieweit dieser Orden für die spätere ,,Mainzer Revolution“ direkt verantwortlich gemacht werden kann, ist schwer zu beweisen, aber nicht ganz unwahrscheinlich. Zumindest kann man einzelne Mitglieder dieses Ordens als geistige Wegbereiter revolutionärer Ideen bezeichnen.

Im Gegensatz zu den halböffentlichen Freimaurern handelte es sich beim Illuminatenorden um einen echten Geheimbund, dessen Mitglieder Decknamen benutzten und in örtlichen Minervalkirchen zusammengefasst waren. Der Namen der Mainzer Minervalkirche lautete ,,Epidamus“. Aber auch die 1765 zur strikten Observanz zählende Mainzer Loge ,,Zu den drei Disteln“ war de facto eine geheime Gesellschaft. Im Gegensatz zu den weltlichen Fürstentümern, wie Darmstadt oder Hessen-Kassel, war die Freimaurerei im Kurfürstentum Mainz offiziell verboten. Trotzdem zählte diese Loge im ersten Halbjahr 1767 44 Brüder, darunter dreizehn hohe Ordensbrüder wie der Domherr Philipp Freiherr von Zobel, der Domcellar Graf von Eltz sowie der Domherr Carl Wilhelm Freiherr von Hohenfeld. Im zweiten Halbjahr musste die Loge nach einem Verrat auf kurfürstlichen Befehl hin ihre Arbeiten einstellen. Die Mainzer Loge wurde nach Frankfurt verlegt, wo sie noch 17 Jahre weiterbestand. Die meisten Mainzer Brüder schlossen sich jedoch der Loge ,,Zur beständigen Einigkeit“ im Residenzstädtchen Biebrich an, wo 1780 ein wichtiger Freimaurerkongress stattfand.

 

Die Französische Revolution erreicht den Rhein

Nach dem Reichsdeputationsauschuss im Jahre 1803 und der Auflösung des Kurfürstentums Mainz wurde das gesamte linke Rheinufer für mehr als 10 Jahre dem Französischen Reich einverleibt. Die Städte Mainz, Worms und Bingen mit ihrem Umland gingen in dem Departement Mont Tonnere auf; das heißt, sie zählten fortan zum französischen Mutterland. Die angrenzenden Länder auf der rechten Rheinseite – Nassau, Hessen-Darmstadt, Baden und die Mainländereien des Erzbistums Mainz – behielten dagegen ihre verwaltungsmäßige Selbständigkeit und schlossen sich mehr oder weniger auf französischen Druck zum Rheinbund zusammen. Für die Menschen im Rheinland begann nach anfänglichen Wirren, Kriegen, Plünderungen und wechselnden Besetzungen zunächst eine glückliche Zeit. Die noch aus dem Mittelalter stammende Leibeigenschaft wurde abgeschafft. Mit der Auflösung von mehr als 15 Kleinstaaten zwischen Saarbrücken und Mainz fielen Zollschranken, Heiratsbeschränkungen und zahlreiche Handels- und Gewerbehemmnisse.

Die von den Freimaurern des 18. Jahrhunderts erhobenen und von der Französischen Revolution erfochtenen Ideale ,,Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“, verbunden mit den 1789 proklamierten Menschenrechten, veränderten den Alltag der einfachen Bevölkerung radikal. Erstmals gab es auch für Menschen aus einfachen Verhältnissen ungeahnte Aufstiegschancen. Wer gestern noch ein armer Tagelöhner war, konnte es schon morgen im Heer von Napoleon zum Offizier bringen. Ein neues Ideal, das des Bürgers, hatte von Frankreich aus seinen Siegeszug über den europäischen Kontinent angetreten.

Vor diesem geschichtlichen Hintergrund kam es im Jahre 1809 in der Nachbarstadt Bad Kreuznach zur Gründung der Loge ,,Les amis reunis de la Nahe et du Rhin“, die ihr Licht vom Grand Orient de France empfing. Bereits der Zusatz ,,et du Rhin“ besagt, dass es sich hierbei um eine Loge handelte, die sowohl Brüder aus Bad Kreuznach als auch aus Bingen umfasste. Sechzehn Brüder zählte diese ,,Binger Fraktion“, genug um selbständig Arbeiten durchzuführen, was sicherlich in den Privaträumen des einen oder anderen Bruders geschehen ist.

Da ist als erster der Notar Hermann Josef Faber zu nennen, geboren am 11.3.1767 in Mainz, Freimaurer seit 1810. Vielleicht ein Mainzer ,,Klubist“, da er sich 1792 beim Eintreffen der Franzosen in der Domstadt aufgehalten haben dürfte. Die Mainzer Jakobiner versuchten damals mit Unterstützung der Franzosen eine eigenständige freie Republik zu gründen, was jedoch mangels Bereitschaft der breiten Bevölkerung und aufgrund des nachfolgenden militärischen Drucks der Koalitionstruppen scheiterte. 1797 wurde Faber Regierungskommisar des Kantons Bingen. Er gründete in der Stadt am Rhein-Nahe-Eck ein Kasino, ein Theater und musikalische Reunionen, deren Präsident er war. Er hinterließ nicht nur zahlreiche humorvolle Gedichte und Betrachtungen, sondern auch eine originelle Grabinschrift, die heute noch auf dem Binger Friedhof bewundert werden kann. Neben seiner eigenen literarischen Tätigkeit, die auch die Herausgabe eines ,,Intelligenzblattes“ umfasste, pflegte er Verbindungen mit dem Dichter Clemens von Brentano und vielleicht auch mit Achim von Arnim. Außerdem erwarb er die Burg Klopp und machte sie wieder zugänglich. Auf dieser konnte er am 25. September 1818 Kaiser Franz II. von Osterreich begrüßen, der von der Terrasse aus die Illumination des Rheintales bewunderte, die ihm zu Ehren veranstaltet worden war.

Weitere Brüder waren:
Heinrich Wieger, von 1810 bis 1812, Notar in Bingen, Freimaurer seit 1810.
Adam Ernst, gleichfalls Notar. Freimaurer seit 1812.
Anton Josef Brauburgen, von 1809 bis 1810 Maire (Bürgermeister) von Kempten (heute Stadtteil von Bingen), Freimaurer seit 1809.

Neben Faber war das herausragendste Mitglied der Loge Georges Geromont, geboren 1769 in Bingen. 1804 Maire von Bingen. Freimaurer von 1809 bis 1812. War auch Mitglied einer Mainzer Loge. Da er 1792 an der Mainzer Universität Rechtswissenschaft studierte und von der Universität die Jakobinische Bewegung in Mainz ausging, dürfte Geromont mit großer Wahrscheinlichkeit Klubist gewesen sein oder dieser Bewegung sehr nahe gestanden haben. So ist es nicht verwunderlich, dass er schon in den 90er Jahren Verwaltungsfunktionen im besetzten Rheinland übernehmen konnte. 1803 wurde er Beigeordneter, 1804 Bürgermeister der Stadt Bingen. Während seiner Amtszeit, die bis 1833 dauerte, erlebte die Stadt einen neuen Aufschwung.

Friedrich Remy, seit 1812 Freimaurer und in Bingen ansässig. Sein Beruf ist mit Kaufmann angegeben.
Josef Johann Preiser. Von 1809 bis 1812, Arzt in Bingen. Freimaurer seit 1809.
Louis Voltz, geboren 1778 in Zweibrücken, Maler. Freimaurer seit 1810.
Pierre Collin, geboren 1773 in Metz. Freimaurer seit 1810.

Wie man anhand der Berufe erkennen kann, gehörten die Binger Brüder ausschließlich dem aufstrebenden Bürgertum an. So ist es nicht verwunderlich, dass auch die Binger Kaufmannschaft zahlenmäßig gut vertreten war. Es sind dies:

Antoine Fischer, geboren 1761 im kurmainzerischen Assmannshausen. Freimaurer seit 1810.
Michael Klein, geboren 1773 in Bingen. Freimaurer seit 1809.

Sein Name taucht zusammen mit Faber und Geromont in einer unterschriebenen Urkunde des Binger Stadtrates auf. 1836 gründete er einen Dampfmühlenbetrieb. Sein Sohn Heinrich Adolf Klein engagierte sich bei der Revolution von 1848 so stark, dass er sich in Mainz wegen Hochverrat verantworten musste. Er hatte unter anderem in der Binger Turner-Kompanie als rheinhessischer Freischärler teilgenommen. Ein Beweis dafür, dass die von den Vätern erkämpften bürgerlichen Rechte oftmals von den Söhnen verteidigt oder weiter ausgebaut wurden.

Jean Anton Klein, vielleicht ein Bruder von Michael Klein,
Denys Soher, geboren 1780 in Bingen, Freimaurer seit 1810.

Joser Henri Schneider und Francois Wagner sowie Francois Kellermann. Auch er gehörte, wie seine Unterschrift verrät, dem Binger Stadtrat an. Ein weiteres Mitglied der Loge gleichen Namens, Philippe Georg Kellermann, war Bürgermeister von Bacharach. ,,Prominentestes“ Mitglied war sicherlich der als ,,Jäger aus Kurpfalz“ bekannt gewordene Karl Theodor Utsch, dessen Denkmal heute noch im Hunsrück besichtigt werden kann. Rätsel gibt ein gewisser Charles Gräft (Carl Gräff) aus Bad Kreuznach auf. Vielleicht ist er der Vater oder ein naher Verwandter des späteren Gründers der Binger Loge – Carl Gräff.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es sich bei den genannten Brüdern um durchaus respektable Persönlichkeiten des Binger Lebens handelte, die sicherlich der Stadt viele Impulse gegeben haben.

Die Kreuznacher Loge hat, wie eine Abschiedsrede bestätigt, bis 1814 bestanden. Trotzdem haben anscheinend einige Binger Brüder die Bauhütte noch vor ihrem Ende verlassen. Verbrieft ist, dass in jener Zeit einige Bauhütten der Rheinbundstaaten ihre Arbeit einstellten. Grundlage für diese Maßnahme war der Artikel 291 des Code Napoleon, der verfügte, dass alle geheimen Gesellschaften, zu denen auch die Logen zählten, aufzulösen oder in ,,Geselligkeitsvereine“ umzuwandeln sind.bild_intro-Kopie_02

Die Revolution, die 1789 von Freimaurern unterstützt, als Freiheitsbewegung der Bürger begonnen hatte, war auf den Schlachtfeldern Europas verblutet. Nur wenige Binger Bürger -davon kündet ein Ehrenmal auf dem alten Friedhof – kehrten von dem Russlandfeldzug des Korsen zurück.
Aus der von den Menschen am Rhein freudig begrüßten Republik war während des Kaiserreichs ein reiner Polizeistaat geworden, der sich mündige und freie Bürger nicht mehr leisten konnte.

Auch nach den ,,Befreiungskriegen“, die 1815 mit einem Sieg des Freimaurers Bücher über die Napoleonischen Heere endeten und denen eine Zeit der Restauration und Reaktion folgte, konnte das freimaurerische Licht in unserem Raum nicht wieder entzündet werden. Erst 1858 gründeten Kreuznacher Brüder die Loge ,,Die vereinigten Freunde an der Nahe“, wobei sie, wie der Name schon sagt, bewusst an die alte Tradition von 1809 anknüpften. Neun Jahre später konnte auch in Bingen das freimaurerische Licht entzündet werden. Damit war der Weg für eine endgültige kontinuierliche Arbeit geebnet.

 

Die Gründung der Loge ,,Zum Tempel der Freundschaft“

InDSC_2441b_small Bingen bildete sich am 3. Januar 1860 ein sogenanntes ,,Freimaurerisches Kränzchen“, das sich bereits ,,Tempel der Freundschaft“ nannte. Ins Leben gerufen wurde es von der Alzeyer Loge ,,Karl zum neuen Licht“. Als Kränzchen bezeichnet man eine kleine Gruppierung von Freimaurern, die sich zu einem Treffen außerhalb des Tempels zusammenfinden. Oft entwickelt sich dann daraus eine eigene Loge -vorausgesetzt, dass genügend „Meister“ vorhanden sind, um die notwendigen Ämter zu besetzen. Eingeweiht wurde es unter großer Beteiligung auswärtiger Brüder am 16. Juni 1861. Das Mitgliederverzeichnis der Großloge aus dem Maurerjahr 5862 (1862) nennt als 1. Vorsitzenden des Kränzchens den Tabakfabrikanten Carl Gräff, als zweiten Vorsitzenden den praktischen Arzt Dr. M. Hirsch und als Schriftführer den Gemeindeeinnehmer Friedrich Hettrich. Die Freimaurerloge ,,Karl zum neuen Licht“ war bereits 1839 gegründet worden und gehörte dem sogenannten ,,Eklektischen Bund“ an. Dieser war 1782 auf Initiative des Reichskammergerichts-Assessors Franz Dietrich von Ditfurth auf dem Wilhelmsbadener Konvent ins Leben gerufen worden mit dem Ziel, die Freimaurerei von den Ritterspielen der strikten Observanz wieder zu ihren Ursprüngen, der schlichten Bauhüttentradition, zurückzuführen. Zur Großloge mauserte sich der Bund 1823 in Frankfurt, dem sich in der Folgezeit eine ganze Anzahl von Bauhütten in Darmstadt, Gießen, Offenbach, Mainz, Worms und Alzey anschlossen. Die Alzeyer Loge wiederum war 1860 dem Großlogenbund ,,Zur Eintracht“ im Orient Darmstadt beigetreten, der seit 1846 existierte. Seit 1860 veranstaltete das Binger Logenkränzchen allgemeine Frühlingsfeste, die zu einem gern gewählten Ausflugsziel der Logen des gesamten südwestdeutschen Raumes wurden. Es war also nur noch eine Frage der Zeit und der nötigen Formalitäten bis aus dem Kränzchen die gerechte und vollkommene Johannisloge ,,Zum Tempel der Freundschaft“ wurde.
Der erste Schritt zur Gründung einer Loge erfolgte am 24. Oktober 1866. Am 13. März des darauffolgenden Jahres bat das Kränzchen um die Erteilung der Konstitution, die ihm bereits am 24. Mai 1867 durch den Protektor der Großloge, den Großherzog Ludwig III. von Hessen-Darmstadt bei Rhein, gewährt wurde. Am 7. Juli wurde die Tempelweihe der neuen Bundesloge durch die Großbeamten feierlich vorgenommen. Die Räume des Tempels zur Freundschaft befanden sich im Logenlokal Gaustraße, gegenüber der Gräffschen Fabrik. Vertreten wurden die Binger bei der Großloge ,,Zur Eintracht“ von CarI Gräff, Georg Esselborn, Heinrich Brück, Hermann Geyger und Karl Rother.

Die Zeitschrift Die Bauhütte widmet diesem Ereignis einen umfangreichen Bericht, der – da keine anderen Zeugnisse und Urkunden mehr vorliegen – als der einzige aber dennoch eindeutige Nachweis des Gründungsdatums angesehen werden kann. Auch die „Freimaurer-Zeitung“ berichtet ausführlich über die Gründung. Anachronistisch ist die Tatsache, dass das Stiftungsfest der letzten Jahre stets im März gefeiert wurde. Man nahm ein Stiftungsdatum an (27.03.1867) für das niemals ein „Beleg“ existiert haben kann. Wann dieses „neue Stiftungsdatum“ „eingeführt“ wurde (bereits vor oder nach dem Krieg) ist nicht bekannt. Durch die herausragende Recherche in unzähligen Quelldokumenten sowie dem unermüdlichen, persönlichen Engagement und der Initiative des Chronisten der Loge, Altstuhlmeister Bruder Bernd Becker, ist es im Jahr 2012 schließlich gelungen, die Logengeschichte aufzuarbeiten und im Rahmen der regulären Jahreshauptversammlung beschließen zu lassen, dass fortan das Stiftungsfest mit dem Johannisfest zusammen begangen wird. Eine besonders große Leistung von Bernd Becker, für das ihm die Brüder der Loge eine große Anerkennung schulden.

Carl Gräff gehörte darüber hinaus als deportierter Großredner zum Beamtenrat der Großloge in Darmstadt. Als erstes Ehrenmitglied aus der Gründungszeit ist der Großmeister des Eintrachtbundes, Adolph Pfalz, verzeichnet.

Weitere Gründungsmitglieder waren:
Der Bahnbeamte Franz Grebert, der Kaufmann L. Hagenbusch (Freimaurer seit 1839), der Gemeindeeinnehmer Friedrich Hettrich, der ja schon bei der Gründung des Kränzchens Pate gestanden hatte, der Weinhändler J.B. Kertell, möglicherweise ein Sohn oder naher Verwandter des Binger Bürgermeisters Carl Josef Kertell (1784-1863), sowie die Weinhändler Dr. Martiny, H. Kuhlmann, Gustav Nathan und August Rother. Die Liste der Gründungsmitglieder endet mit dem Binger Polizeikommissar Weinert, dem Kaufmann und Kalkbrennereibesitzer B. Wildt und dem Rentner Jacob Wilhelm.

Noch im Gründungsjahr schlossen sich Stephan George, der Onkel des späteren gleichnamigen Dichters, der Kreisarzt Dr. R. Menzel, der Gutsbesitzer August Braden und – falls es sich nicht um einen Namensvetter handelt – der ehemalige Binger Bürgermeister Eberhard Soherr der Loge an.

Alle vier waren schon in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts dem Freimaurerbunde beigetreten. Sie stellen somit zusammen mit den älteren Gründungsmitgliedern ein wichtiges Bindeglied zwischen der ersten Freimaurergeneration um Geromont und Faber und den Brüdern des Kränzchens dar.

Schillerndste Figur dieser Gruppe altgedienter Freimaurer ist sicherlich der ehemalige Bürgermeister Eberhard Soherr, der im Logenverzeichnis seinen Stand als ,,Rentner“ angibt. Er wurde am 6. September 1812 in Bingen geboren und entstammt einer angesehenen Familie. Vielleicht gehört der alte Binger Freimaurer Denys Soher zu seiner Verwandtschaft.

Seine Amtszeit reicht von 1859 bis zum 10.1.1867, also bis in das Jahr seiner Aufnahme in die Binger Loge. Als Architekt und Kunstsammler richtete er in seinem Haus, dem ehemaligen erzbischöflichen Zehnthof; dessen Nachfolgebau, der Mainzer Hof, in den 70er Jahren leider der Spitzhacke zum Opfer fiel, ein umfangreiches Privatmuseum ein. Es sollte der Grundstein für ein späteres städtisches Museum werden. Große Verdienste erwarb er sich beim Wiederaufbau der Burg Klopp. Beträchtliche Summen stiftete er für den Bau des Aussichtsturmes auf dem Scharlachkopf, für das Hospital und den Pestalozzi-Verein.

1872/73 verlässt Eberhard Soherr den Tempel zur Freundschaft. Dreizehn Jahre später dreht der verdiente Binger Bürger auch seiner Heimatstadt den Rücken und siedelt nach Darmstadt über, wo er nach wenigen Monaten stirbt. Zuvor übereignet er seine wertvollen Sammlungen und Bodenfunde den Museen in Mainz und Darmstadt. Wie Faber, so verkehrte auch Soherr mit bedeutenden Persönlichkeiten seiner Zeit. Verbrieft ist das Zitat des Dichters Freiligrath, der an seinen Kollegen Hoffmann von Fallersleben schrieb: ,,Eberhard Soherr ist der Freudenspender an Rhein und Nahe.“

Ebenfalls noch im Gründungsjahr trat der in Moskau wohnende Kaufmann Emil Schumacher in den Tempel der Freundschaft ein. Er war der mit Abstand entfernteste Bruder, den die Loge aufzuweisen hatte.

Zu den ,,Besuchenden Brüdern“ zählt seit der Gründungszeit der Binger Kreisbaumeister Anton Louis, der ein Mitglied der Darmstädter Loge ,,Johannis der Evangelist zur Eintracht“ war. Baurat Louis, wie sein späterer Titel lautete, hat seinen Besucherstatus über zwei Jahrzehnte beharrlich aufrechterhalten. Erst in den 90er Jahren des Jahrhunderts verschwindet sein Name aus den Bestandslisten der Loge.

Als ebenso auffälliger Besucher ist sicherlich der prinzliche Burgvogt von Schloss Rheinstein, Wilhelm Herrmann, anzusehen, der 1883 als ordentliches Mitglied aufgenommen wurde. Da die gekrönten wie ungekrönten Häupter der kaiserlichen Familie in der Sommerresidenz hoch über dem Rhein nicht selten logierten, ist es durchaus denkbar, dass der prinzliche Burgvogt die hohen Herrschaften zu einem Logenbesuch im nahen Bingen eingeladen hat, zumal fast alle männlichen Mitglieder der Hohenzollernfamilie Freimaurer waren. Ob nun der Kaiser oder einer seiner Söhne inkognito höchstpersönlich dem Tempel in Bingen einen Besuch abstattete bleibt freilich aufgrund fehlender Quelle unbewiesen oder sprichwörtlich ausgedrückt – ,,freimaurerisches Geheimnis“.

Wie die Bestandslisten der Folgejahren beweisen, hatte die Loge einen enormen Mitgliederzuwachs zu verzeichnen, der um die Jahrhundertwende mit 70 Brüdern seinen Höhepunkt erreichte.

Ein neuer Tempel neben der Burg

logenhAm 17. Juni 1883 wurde das eigene Logenhaus in der Binger Martinstraße 10 eingeweiht. Jeden Mittwoch kam die Bruderschaft im Logenhaus zusammen. Alljährlich wurde eine Weihnachtsfeier mit Bescherung von Binger Waisenkindern durchgeführt. Leider existieren heute keinerlei Unterlagen mehr, die genauen Aufschluss über die karitativen Tätigkeiten vermitteln. Erhalten dagegen sind die Statuten der Loge, die 1876 erneuert wurden.

Wie man zu den Statuten kritisch anmerken muss, waren die Aufnahmegebühr und der Mitgliedsbeitrag für die damalige Zeit ungewöhnlich hoch. Dies traf freilich nicht nur auf die Binger Loge, sondern auch auf andere Freimaurerlogen zu. 45 Mark entsprachen etwa zwei Monatslöhnen eines Arbeiters oder kleinen Angestellten, hinzu kam ein jährlicher Mitgliedsbeitragvon 24 Mark, also noch einmal ein Monatslohn. Zuzüglich der zu kaufenden Aktien eine nicht unbeträchtliche Summe.

Nach heutiger Währung müsste man also 4000 DM bezahlen, um Freimaurer werden zu können, und jährlich noch einmal 2000 DM, um es zu bleiben. Diese ungewöhnlich hohen finanziellen Belastungen waren wohl auch mit ein Grund, weshalb fast ausschließlich höhere Beamte, Kaufleute – speziell Weinhändler -Notare, Ärzte und selbständige Unternehmer in der Binger Loge, wie in anderen Logen Deutschlands vertreten waren. Aber selbst für einen Staatsbeamten, wie etwa einem Inspektor oder Lehrer, war dieser Betrag nicht so einfach aufzubringen. Dies zeigt, dass man von dem Aufzunehmenden einen großen Idealismus, auch in finanzieller Hinsicht, erwartete.

Anderseits gehörten die Menschen des ausgehenden 19. Jahrhunderts noch nicht zur mobilen postmodernen Freizeit- und Konsumgesellschaft, die ein Vielfaches jährlich für ihr Auto, ihren Urlaub oder sonstige teure Hobbys ausgibt.

,,Entschädigt“ wurden die Brüder durch ein für die kleine Stadt Bingen – sie zählte um die Jahrhundertwende knapp 10 000 Einwohner -großes Logenhaus, dem ,,Tempel der Freundschaft“, der ohne diese hohen finanziellen Aufwendungen nicht hätte gebaut und unterhalten werden können.

 

Männer, die Stadtgeschichte schrieben

Der erste Meister vom Stuhl war Carl Gräff; der seit dem 17.12.1843 Freimaurer war und die Loge bis 1880 leitete. Carl Gräff war in dieser Zeit Repräsentant der National-Großloge von Schweden und Norwegen sowie Ehrenmitglied mehrerer Johannislogen.

Carl Gräff, geboren 1821, stammte aus einfachen Verhältnissen. Er wurde Inhaber einer Tabakfabrik, die sich auf dem Gelände der heutigen Weinbrennerei Racke befand, wo sie 1850 nach einem Großbrand wieder aufgebaut worden war. Durch sein expandierendes Unternehmen erlangte er auch gesellschaftliche und öffentliche Bedeutung. Er wurde Stadtratsmitglied, Präsident der Binger Handelskammer und bekleidete mehrere wichtige Ehrenämter. Auch eine Straße ist nach ihm benannt.

Ein Freimaurer von internationalen Format war auch Hermann Geyger, von Beruf Fabrikant. Am 20.6.1857, also zehn Jahre vor der Binger Logengründung, war er dem Freimaurerbund beigetreten. Meister vom Stuhl war er von 1884 bis 1894. Er war gleichzeitig Vertreter des ,,Grande Oriente Lusitano“ in Lissabon und Ehrenmitglied der Loge ,,Ludwig zu den drei Sternen“ in Friedberg. Er begründete – was sicherlich in dieser Form einmalig ist – mit seinem Eintritt in die Freimaurerei eine Familientradition, die bis in die Gegenwart anhält.

Sein Sohn Adolf Geyger, Mitglied der Loge seit 1896, trat in vieler Hinsicht in die Fußstapfen seines Vaters. Er war nicht nur zwischen 1918 und 1924 Meister vom Stuhl, sondern auch 2. Aufseher der Großloge ,,Zur Eintracht“ sowie Vertreter des ,,Großostens der Niederlande“. Gleichzeitig ist eine Ehrenmitgliedschaft bei der Loge ,,Ludewig zur Treue“ in Gießen verzeichnet. Die Tradition wurde 1923 durch den Enkel Hermann Geyger und 1952 durch den Urenkel Claus Geyger fortgesetzt. Zusammen mit ihm sind drei weitere Urenkel, Erwin Lauter, Gerhart Lauter und Jürgen Bastian Mitglieder unserer Bauhütte.

Der Name Fischer taucht zusammen mit anderen Mitgliedern der Loge in der Festschrift zum l25jährigen Jubiläum des Binger Tumvereins auf. Die Kommerzienräte Fischer, der Oberstudiendirektor Rudolf Dumont, Studienrat Karl Sack, der Redakteur Josef Schmitt-Krämer und Dr. Lauter haben den Verein auf besondere Weise unterstützt. Dies zeigt, dass die Freimaurer zu keiner Zeit eine auf sich selbst beschränkte, zurückgezogene elitäre Gruppe waren, sondern aktiv und helfend am gesellschaftlichen Leben der Stadt teilnahmen.

Als erster der bedeutenden Kaufmannsfamilie Fischer, die über Generationen der Loge in Bingen angehörte, ist im Mitgliederverzeichnis Carl August Fischer d.Ä. genannt. Er wurde 1833 geboren und trat 1875 dem Freimaurerbund bei. Zwischen 1894 und 1906 bekleidete er das Amt des Meisters vom Stuhl und war zugleich Mitglied der Darmstädter Großloge sowie Vertreter der ,,Symbolischen Großloge von Ungarn“. 1907 verlieh ihm die Stadt Bingen die Ehrenbürgerschaft. Carl August d.J., Jahrgang 1865, wurde bereits mit 22 Jahren, 1887 Freimaurer, ebenso sein Bruder Wilhelm Karl Fischer, der bei seiner Aufnahme gerade 20 Jahre alt war. Als vierter im Bunde ist seit 1892 Heinrich Karl Fischer genannt, der die Villa Katharina in der Rochusallee, neben dem Finanzamt bewohnte. Das Logenalbum von 1900 weist außerdem einen Theodor Fischer auf. Er war, wie aus der Bestandsliste von 1888 hervorgeht, Hofmaler in Gera und Ehrenmitglied des ,,Tempels zur Freundschaft“. Als letzter in dem Reigen der Stuhlmeister, die gute Verbindungen zu auswärtigen Logen pflegten, ist Karl Schub zu nennen. Dieser Doktor der Philosophie und Zahnarzt, der 1896 aufgenommen wurde, war Meister vom Stuhl von 1908 bis 1918 und Vertreter der großen Landesloge von Sachsen.

358265Zu einer neuen Generation gehörte bereits der Redakteur der Binger Zeitung, Josef Adolf Schmitt-Krämer, Jahrgang 1891. Im Jahre 1927 trat er der Loge bei. Er war der erste Stuhlmeister der Nachkriegszeit und hat sich dadurch besondere Verdienste erworben. Zu seinem 75. Geburtstag verlieh ihm die Stadt Bingen die Ehrenbürgerschaft. Er starb am 25. Oktober 1966 in seinem Haus in der Rathausstraße, das er zeit seines Lebens bewohnte. Über ihn schrieb der rührige Heimatforscher Friedrich Rudolf Engelhard, der übrigens eine gute Meinung von der Freimaurerloge hatte: ,,Jahrzehntelang gehörten Schmitt-Krämers historischen Aufsätze zu dem gern gelesenen Lesestoff der Binger Zeitungen. Noch mehr waren es seine Gedichte, vor allem die Mundartgedichte, die gute Laune zu verbreiten wussten. Aggressionen waren ihm fremd. Wenn er der öffentlichen Meinung einen Wunsch oder eine Anregung für das Wohl unserer Stadt nahebringen wollte, wählte er das gereimte Wort, und wenn es etwas nachdrücklicher zugehen sollte, sagte er es auf bingerisch.“Große Bedeutung für Bingen und die Loge hatte die Fotografenfamilie Hilsdorf.

Ihr verdanken die Binger Brüder das einzigartige Logenalbum, dessen Bilder für die Festschrift herangezogen wurden. Dem Freimaurerbund gehörte der Vater Johann Baptist sowie seine Söhne Jacob, Karl, Theodor und Hans an. Die Brüder Jacob und Theodor zählen zu den wichtigsten deutschen Fotografen der Jahrhundertwende. Jacob Hilsdorf kam wahrend seiner beruflichen Lautbahn mit zahlreichen Künstlerpersönlichkeiten zusammen. Er fotografierte u.a. Stefan George, Richard Dehmel, Adolf von Menzel, Hans Thoma und Max Liebermann. 1912 ernannte ihn der Großherzog Ernst Ludwig von Hessen zum Hofrat. Eine gleichfalls steile Kariere machte sein Bruder Theodor Hilsdorf in München. Auch er kam mit zahlreichen Künstlern zusammen und fotografierte die königliche Familie.

Ein Stück Heimatgeschichte schrieb der Oberstudienrat am Stefan-George-Gymnasium, Prof. Dr. phil Gotttried Erckmann. Der unermüdliche Heimatforscher und besuchende Bruder der Binger Loge verfasste das bis heute einzigartige Buch über den Binger Wald. Für dieses Werk wurde ihm im stolzen Alter von 70 Jahren von der Gießener Universität der Dr. phil. verliehen. Erckmann war Mitglied des ,,Geschichts- und Altertums-Vereins Bingen“ und findet in Engelhards Binger Analen auch als Mitglied einer Freimaurerloge Erwähnung. Die Schließung der Loge überlebte er nur um wenige Monate. Am 20.1.36 schloss er für immer die Augen. Zu den bekannten Binger Brüdern der Jahrhundertwende und den 20. Jahren gehörte der damalige Inhaber der Falkenapotheke Konrad Koch. Als Koch die Apotheke 1898 von seinem Vater übernahm, baute er die bescheidene Fassade des Hauses in klassizistischen Stil um und verlieh ihr ein repräsentatives Aussehen. Auch er erlebte die Schließung der Loge nicht mehr. Er starb 1926. Seit 1883 wird auch ein August Koch genannt, seines Zeichens Dampfboot-Kondukteur in St. Goar, sowie der Stadtbaumeister Paul Richard Koch, der um die Jahrhundertwende für den Schriftverkehr der Loge verantwortlich zeichnete.

Weitere Mitglieder der Bauhütte, die zu bekannten Familien aus Bingen und Umgebung zählten, waren:

Die Fabrikbesitzer Carl und Richard Avenarius aus Gau-Algesheim, die bereits 1868 dem Freimaurerbund beitraten. Der Buchdruckereibesitzer und Herausgeber der Rhein-Nahe-Zeitung Otto Johannes Boryczewsky. Der Gerber Franz Goebel (Freimaurer seit 1875). Das Gründungsmitglied H. Kullmann brachte noch in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts gleich drei weitere Familienangehörige oder nahe Verwandte in die Loge ein, nämlich seinen Sohn H. Kullmann jr., sowie Louis Kullmann und Wilhelm Kullmann.

Auch die Binger Lehrerschaft war seit 1875 in der Loge vertreten, und zwar durch:

Dr. Carl Nies, Reallehrer in Bingen, Friedrich Kellermann und Franz Türk. Die zuletzt Genannten wurden zusammen aufgenommen und zwar am 8. März 1876. Zwischen 1906 und 1908 war sogar ein Lehrer Meister vom Stuhl, der Mainzer Oberlehrer Prof. Sebastian Jost.

Interessant ist, dass Anfang der 20er Jahre über die Hälfte der Logenmitglieder im Umkreis von Bingen oder weiter entfernt wohnten. Erst in den 30er Jahren veränderte sich der Mitgliederstand zugunsten der Binger. Fast die Hälfte der Mitglieder waren Kaufleute. Dies zeigt unter anderem, welches Ansehen die kleine Handelsstadt am Rhein in der damaligen Zeit genoss und welche gesellschaftlich wichtige Rolle die Loge in der Martinstraße dabei spielte.

Juden und Freimaurer in Bingen

Nach und nach öffneten sich auch die regulären Logen den jüdischen Mitbürgern, ohne dass diese jemals überproportional vertreten waren. Auch dies geschah nur zögernd und mit großen Vorbehalten. So beharrte beispielsweise die Großloge ,,Zur Eintracht“ noch bis weit ins 19. Jahrhundert hinein auf ihrem christlich ausgerichteten Standpunkt. Die rheinhessischen Logen, wie zum Beispiel der ,,Wiederaufgebaute Tempel der Bruderliebe“ in Worms, konnten sich nur ihren jüdischen Mitbürgern öffnen, indem sie auf ihr Stimmrecht innerhalb der Großloge verzichteten.

Auch in der Binger Loge sind einige Mitglieder bekannt, von denen anzunehmen ist, dass sie der Jüdischen Gemeinde angehörten. Als bekannteste Persönlichkeit ist an dieser Stelle der Sanitätsrat Dr. med. Rudolph Ebertsheim zu nennen. Er war der Sohn des beliebten Binger Arztes Dr. med. Isaak Ebertsheim (1818-1901). Rudolph Ebertsheim wurde 1865 geboren und trat 1890 im jungen Alter von 25 Jahren der Loge ,,Zum Tempel der Freundschaft“ bei.

Er praktizierte wie schon sein Vater im Ebertsheim-Haus in der Amtsstraße und war auch als Betriebsarzt in der Tabakfabrik Gräff in der Gaustraße tätig. Seine auswärtigen Krankenbesuche soll er noch mit Pferd und Kutschwagen besorgt haben. Da in dem letzten erhalten gebliebenen Logenverzeichnis seine Adresse mit Lugano/Schweiz angegeben ist, hat er die zunehmenden Feindseligkeiten gegenüber der jüdischen Bevölkerung und auch die Schließung der Bauhütte nicht mehr erlebt. Er soll noch vor 1930 gestorben sein.

Ebenfalls Arzt war M. Hirsch, vielleicht ein Sohn des ehemaligen jüdischen Hospitalarztes Hirsch, der 1858 gestorben war. M. Hirsch, der als zweiter Vorsitzender des Freimaurerkränzchens erwähnt wird, war damit indirekt auch Mitbegründer der Binger Loge. Jude und Freimaurer war möglicherweise der Weinhändler Gustav Nathan. In der ersten Bestandsliste wird er als Gründungsmitglied genannt. Später wurde auch ein Gustav Josef Nathan Mitglied der Bauhütte.

Die Weingroßhandlung Nathan wurde 1938 nach der Reichskristallnacht von den Nazis enteignet. Zu einer in Bingen ansässigen jüdischen Familie gehörte mit großer Wahrscheinlichkeit auch ein Hermann Sobernheim, der ab 1882 der Loge angehörte, möglicherweise ein naher Verwandter, wenn nicht gar Sohn des 1869 verstorbenen Binger Rabbiners Dr. Sobernheim. Ebenfalls Freimaurer war der Mainzer Weinhändler Karl Oppenheimer.

Jüdischer Abstammung dürften auch die Gebrüder Rothschild gewesen sein, Fabrikanten aus Berlin und Barmen.  Selbst kein Jude, aber mit der jüdischen Gemeinde innig verbunden war der damalige Musikdirector von Bingen, Josef Knettel, Freimaurer seit 1918. Er taucht noch in der letzten Mitgliederliste als ,,Musikpfleger“ auf. Er wird nicht nur während der freimaurerischen Arbeiten in die Tasten gegriffen, sondern auch der Loge so manches Konzert auswärtiger Musiker beschert haben. Sicherlich hatte er Kontakt zu Brüdern, die selbst Musiker waren oder ein Instrument spielten, was bei der damaligen Pflege der Hausmusik keine Seltenheit war. Über seine Bedeutung für die jüdische Gemeinde, deren große Synagoge mit dem heutigen Feuerwehrgerätehaus identisch ist, schreibt Regina Hahn in Rudolf Engelhards Buch ,,Die Geschichte der Binger Juden“:

,,Musikdirector Josef Knettel war Organist in der jüdischen Gemeinde. Er spielte die Orgel der Synagoge in der Rochusstraße, die die Stadt Bingen der jüdischen Gemeinde 1905 zur Einweihung der Synagoge geschenkt hatte. In der Reichskristallnacht wurde die schöne Orgel einen Raub der Flammen.“In den Jahren 1905 bis 1938 kam Herr Knettel mit vielen Juden in Kontakt. Er dirigierte die Gesangvereine, in denen Juden eine große Rolle spielten.
Viele waren passive Mitglieder, die die Vereine finanziell unterstützten, andere sangen auch mit. Man erzählt, dass der Dirigent Josef Knettel immer wieder von Juden aufgefordert wurde, zu den Konzerten gute Solisten einzuladen. Wenn diese zu teuer waren, erklärten sie sich bereit, das Defizit zu tragen. Diese Aktivitäten im öffentlichen Leben verschafften den Juden viele Freunde“. Auch er gehört zu den Binger Freimaurern, denen im hohen Alter die Ehrenbürgerschaft zuerkannt wurde.

Aus einem kühlen Wind wurde ein Sturm – Die Zeit von 1918 bis 1935

Obwohl die Freimaurer, wie übrigens auch die Juden im Deutschen Reich, zu den absolut integeren Staatsbürgern zählten – eher konservativ nationalliberal als links eingestellt – und 1914 als Offiziere auf den Schlachtfeldern des 1. Weltkrieges in großer Zahl ihr Leben ließen, kam es nach 1918 zu einem deutlichen Stimmungsumschwung.

Obwohl den Freimaurern in der Zeit nach dem ersten Weltkrieg der Wind schon ins Gesicht blies, hielten 55 Mitglieder der Bauhütte die Treue. 1935 hatte auch die Schicksalsstunde für die Loge in der Martinstraße geschlagen. Das gesamte Logenvermögen wurde beschlagnahmt und sechs Brüder mussten einen ,,Schenkungsvertrag“ für das Logengrundstück zugunsten des NSV-Kindergartens unterschreiben.

Eine wahrhaft zynische Aktion, die bei der Binger Bevölkerung den Eindruck erwecken sollte, das Logenhaus der ,,reichen Freimaurer“ käme jetzt karitativen Zwecken zugute. Bei einem schweren Fliegerangriff, der in erster Linie dem strategisch wichtigen Bahnhof. Bingerbrück galt, dem aber auch weite Teile der Altstadt zum Opfer fielen, wurde das Logenhaus von einem Volltreffer getroffen und brannte vollständig aus.

Ein neuer Anfang

Bereits 1946, ein Jahr nach dem Ende des zweiten Weltkrieges, wurden die ersten Versuche unternommen, das Logenleben in Bingen wieder anzukurbeln. Wie zur Gründungszeit ging auch diesmal die Initiative von Alzey aus. Bruder Fritz Wolff aus der benachbarten Kreisstadt gelang es, die Binger Brüder zu sammeln. Vier weitere Jahre verstrichen, ehe 1949 in einem bescheidenen Raum im Restaurant Felsenkeller die Lichteinbringung der wiedererstandenen Loge ,,Zum Tempel der Freundschaft“ gefeiert werden konnte.

Zu nennen sind aus dieser Zeit die Brüder Josef Adolf Schmitt-Krämer, seit 1946 Meister vom Stuhl, Karl Engelhardt, Hermann Geyger, Karl Burgmann, Wilhelm Bollenbach, Karl Hilsdorf, Otto Schub, Wilhelm Lauter, Wilhelm Niemöller, Karl Griesel, Ernst Jung und Heinrich Greb. Sie alle haben durch ihre aktive Mitarbeit dafür gesorgt, dass das freimaurerische Licht in Bingen nicht erlosch.

Trotzdem gestaltete sich der neue Anfang sehr schwierig. Alle aufgezählten Brüderwaren schon vor 1935 Freimaurer gewesen, noch vor der Jahrhundertwende geboren und hatten im Jahre 1949 bereits das Rentenalter erreicht. Über 15 Jahre, ein halbes Generationsalter lang, hatte die Loge, bedingt durch Verbot, Krieg und Nachkriegszeit, keine Neuzugänge zu verzeichnen. Erst 1951 wurden die beiden ersten Brüder einer neuen Generation in die Bauhütte aufgenommen. Zwei weitere Aufnahmen erfolgten im Jahre 1952. Beide Aufnahmen wurden im Logenhaus ,,Carl zum neuen Licht“ in Alzey durchgeführt. Da sich die Loge nur in Gaststätten treffen konnte, blieben weitere Neuzugänge aus. Weitere 10 Jahre mussten vergehen, ehe der ,,Tempel der Freundschaft“ wieder in eigene Räumlichkeiten einzog. Bis es soweit war, mussten viele Hindernisse aus dem Weg geräumt werden.

Erst nach langwierigen Verhandlungen wurde das enteignete Grundstück 1955 mit den Trümmern des Logenhauses zurückgegeben. Diese Trümmer mussten mit erheblichen Kosten beseitigt werden. Angesichts dieser prekären Lage blieb den Binger Brüdern nichts anderes übrig, als 1961 das Logengrundstück zu verkaufen und mit dem Erlös einen kleinen Tempel wieder aufzubauen.

Am 30. November 1963 wurde durch den Altgroßkanzler Wilhelm Neuendorf die feierliche Lichteinbringung durchgeführt. Gleichzeitig wurde ein Bruder aufgenommen. Weitere Aufnahmen folgten. Mitte der sechziger Jahre besuchten zahlreiche Brüder fremder Bauhütten den Tempel der Freundschaft und halfen damit das Logenleben in Bingen wieder zu aktivieren. In einer Festschrift, die 1967zum 100. Bestehen erschien, wird diesen häufigen Besuchern Lob und Dank für ihre Unterstützung ausgesprochen.

 

Keine Geheimgesellschaft

1971, vier Jahre nach dem l00 jährigen Stiftungsfest, schlossen sich sechs Brüder aus der sich auflösenden Bauhütte ,,Zum goldenen Rad am Rhein“ der Binger Loge an. Es waren dies: Fritz Roth, Helmut Jann, Hans Oehl, Otto Zimmer, Philipp Laun und Adolf Schlürmann.

Diese Affiliation brachte, wie man den zahlreichen Vorträgen entnehmen kann. sehr viele neue Impulse in das Logenleben. Insbesondere haben die Brüder die Zeichen der Zeit rechtzeitig erkannt und ihre Pforte auch Gästen geöffnet sowie eine den damaligen Verhältnissen entsprechende Öffentlichkeitsarbeit betrieben, wie die beiden Ausstellungen 1973 und 1975 belegen. 1983 tagte die Freimaurerliga in Bingen. Ein Ereignis, das auch in der Allgemeinen Zeitung veröffentlicht wurde.

Ein lebhaftes Echo fand der Vortrag von Pater Dr. Kehl ,,Über die Schwierigkeit für einen Außenstehenden die Freimaurerei zu verstehen“. Über 60 Besucher fanden damals den Weg in den ,,Tempel der Freundschaft“, unter ihnen viele Nichtfreimaurer, die das erste Mal mit diesem Thema konfrontiert wurden. Eine solch große Resonanz konnte im katholischen Bingen nicht unwidersprochen bleiben. Ein Binger Pfarrer sah sich genötigt, für die Lehrmeinung des Vatikans eine Lanze zu brechen.

Welche Früchte die Lehrmeinung der katholischen Kirche in den letzten Jahrhunderten getragen hat, und vor allem, wie oft sie geändert wurde, braucht an dieser Stelle nicht mehr kommentiert zu werden. Mit diesem Thema befasste sich unter anderem der mit Berufsverbot behaftete Theologe Prof. Mynarek, der am 14.März 1990 Gast der Binger Loge war. Mynarek, der als Mitglied des Forum Masonicum der Freimaurerei sehr nahe steht, hatte bereits in den 70er Jahren seine Lehrerlaubnis entzogen bekommen. Bei seiner Vorstellung des Buches ,,Die Kunst zu sein“, das im Heyne-Verlag erschienen war, flocht der Professor zahlreiche Anekdoten aus seinem Leben ein, die den Umgang der Kirche mit kritischen Vertretern sehr deutlich illustrierten.

Ein großes Echo in allen Binger Zeitungen fand die Ausstellung der Loge in der Stadtbücherei, die am 18. April 1988 vom Binger Bürgermeister Niebling eröffnete wurde. Sie stellt den bisherigen Höhepunkt in Sachen Öffentlichkeitsarbeit dar und bot vielen Bürgern Gelegenheit, sich über die Freimaurerei im allgemeinen und die Loge im besonderen zu informieren.“

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Literatur zum Thema: DIE LOGE UND DIE BINGER FREIMAUREREI

Bastian, Jürgen
,,Festschrift zur Feier des 100-jährigen Stiftungsfestes der Loge „Zum Tempel der Freundschaft „, Bingen 1967

Diemer, Carl
,,Die Geschichte der Loge – Zum goldenen Rad an Rhein, Mainz 1959

Eichenlaub, Willi
,,Geschichte der Wormser Lage“ in Chronik 1990/91

Nies, Karl
,,Festschrift zum 50-jährigen Bestehens des Eintrachtbundes“, Darmstadt 1896

Engelhardt, Friedrich Rudolf
,,Als Bingen noch zu Frankreich gehörte“, Bingen

Binger Analen – Menschen der Heimat II – Hundert Biographien -, Bingen

Die Geschichte der Binger Juden; Das Tagebuch des Adam Sensig, Bingen